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Überschuldet, übermüdet, überfordert

von Oliver Graue, 03.08.2017, 17:25

Pilot galt einst als Traumberuf. Heute ist es für manche ein Albtraum. Besonders die Billigflieger stehen in der Kritik. Experten rufen Brüssel zur Hilfe.

Wenn ich groß bin, dann werde ich Chefpilot. Hatte ich mir gewünscht, vor gut 45 Jahren. Daraus wurde nichts. Statt am Steuer eines Jumbos sitze ich heute in der Passagierkabine. Und ob ich nach wie vor Pilot werden würde, weiß ich nicht. Im TV waren zuletzt gleich zwei Dokumentationen zu sehen, die nicht nur die negativen Seiten des „Albtraum-Jobs Pilot“, wie eine Sendung hieß, drastisch vor Augen führten.

Erschreckend war das, was dokumentiert wurde, vor allem für Reisende, zumindest für solche, die in Billigfliegern Platz nehmen: Sie werden – so Luftfahrtexperten wie Professor Bernd Hamacher – oft nicht von gut bezahlten und gut ausgebildeten Piloten geflogen. Sondern von Menschen, die „überschuldet, übermüdet und überfordert“ sind.

Rund 1000 arbeitslose Piloten

„Wir haben allein in Deutschland schätzungsweise 1000 arbeitslose Piloten“, sagt James Phillips von der Pilotenvereinigung Cockpit. Viele hätten einige Zehntausend Euro in eine Ausbildung gesteckt, und wer dann tatsächlich bei einem Billigflieger einen Job fände, verdiene dort nicht etwa Geld, sondern zahle für die „Praxisstunden“ bis zu 50.000 Euro. Plus 30.000 Euro für die „Einweisung“ auf bestimmte Flugzeugtypen.

Die Folge, so der ehemalige Berufspilot Markus Lüer, den die ARD zu Wort kommen lässt: Um Hotelkosten zu sparen, wird im Flugzeug übernachtet – mit Schlafsack, Zahnbürste und Proviant von Mama. Lüer berichtet von Kollegen, die bis zu 20 Stunden am Stück arbeiten: „Da pfeift man aus dem letzten Loch.“ Prima, wir Passagiere sind beruhigt.

Immerhin kostet der Flug nur noch halb so viel wie das Taxi zum Flughafen. Im Fadenkreuz steht vor allem Ryanair. Ein deutscher Konzern, der den Billigflieger bislang regelmäßig nutzt, ist ins Grübeln geraten: „Wir haben strenge CSR-Richtlinien im Haus“, heißt es aus dem Einkauf: „Mit Partnern, die ihre Angestellten möglicherweise ausbeuten und gegen die der Verdacht des Sozialbetrugs erhoben wird, dürften wir dann eigentlich nicht zusammenarbeiten.“ Ryanair stellt viele ihrer Piloten über Leiharbeitsfirmen ein.

Unfallursache: Erschöpfung

„Warum wird erst jetzt berichtet? Das alles ist seit Jahren bekannt“, schreibt Siegfried Niedek, Flugsicherheitsexperte und Präsident der Berliner Luftfahrtakademie, an BizTravel. Niedek erinnert an den Absturz des Colgan-Air-Flugs 3407 nahe Buffalo 2009: Der Chefpilot hatte, um das Hotel zu sparen, vor dem Flug im Crew-Ruheraum übernachtet, seine Copilotin war aus demselben Grund erst mit dem Nachtflieger gekommen.

Der Unfallbericht spricht von „Erschöpfung“. Niedek: „Einige Piloten kaufen alte Autos, schlafen auf dem Firmenparkplatz. Andere mieten ein kleines Apartment, übernachten dort abwechselnd mit Kollegen.“

Travel-Management-Berater wie Jörg Martin fordern von Brüssel, die Ausbildung und Einstellung von Piloten (wieder) stärker zu regulieren. Flüge für 29,99 Euro gäbe es dann aber vermutlich nicht mehr.

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