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Serie „Modernes Travel Management“ (0)

Die neue Mobilität

von Oliver Graue, 06.11.2017, 11:26

Dienstwagen und Mietauto sind nicht mehr alles. ÖPNV, Carsharing, Taxi, Fernbus, Bahn und E-Bikes machen ihnen Konkurrenz – und der Mix aus allem.

Foto: Gettyimages

In Kopenhagen ist vernetzte Mobilität schon lange keine Theorie mehr: Wer eines der 400 Elektro-Carsharing-Autos benutzt, kann dieses mit seiner ÖPNV-Monatskarte öffnen. Und gerät er mit dem Fahrzeug unterwegs in Stau, empfiehlt ihm das Navi eine Alternative – oft Bus oder Bahn. Aber auch der Hamburger Verkehrsverbund bietet inzwischen die „Switchh Card“, mit der Nutzer zu preislich attraktiven Konditionen auf Carsharing-Wagen und Leihfahrräder zurückgreifen. Andere deutsche Städte haben ähnliche Modelle.

Elektroautos, Carsharing, bruchlose Vernetzung der Mobilität – Begriffe wie diese liegen im Trend. Nicht nur im privaten Individualverkehr, sondern auch bei Geschäftsreisen. Allerdings haben sie es hier deutlich schwerer. Denn auch wenn manche Firmen Car2go, Cambio oder Drive Now nutzen: Solche Angebote gibt es nur in Ballungsgebieten, und das auch nur in wenigen. Und das sogenannte Corporate Carsharing – das gemeinsame Nutzen von Dienstwagen durch alle Mitarbeiter – ist nach wie vor trotz vieler Vorschusslorbeeren ein Nischenprodukt.

Integrierte Kartenzahlung

Dennoch: Auch im Firmenkundenbereich wächst das Interesse an sogenannter neuer Mobilität. Das heißt vor allem, dass der Blick nicht mehr allein auf den klassischen Dienstoder Mietwagen fällt. Alternativen wie ÖPNV, Carsharing, Bahn, Limousinenservices oder gar Fernbusse werden interessant – aus Kostengründen und weil die Digitalisierung eine leichte und flexible Buchbarkeit dieser Verkehrsmittel einfach macht, samt Einbindung in die Prozesse des Travel Managements.

Zu den Vorreitern gehören Portale wie die Daimler-Lösung My Taxi. Über diese App lassen sich mehr als 100.000 Taxis bestellen. Die Anfahrt lässt sich verfolgen, Lieblingsfahrer kann man speichern, und die Bezahlung erfolgt via Airplus-Firmenkarte.

Auf Taxis und Limousinenservices greift das Produkt Talixo des Unternehmens Public In Motion zurück. Die Berliner haben technische Schnittstellen zu verschiedensten Anbietern hergestellt, die nun über ihre Plattform buchbar sind. Gerade erst hat die Deutsche Bahn einen hohen Millionenbetrag in das Unternehmen investiert: Der Schienenkonzern will damit Anschluss an die Transportwege vor und nach dem Zugverkehr finden. „Das Thema Erste und Letzte Meile im Mobilitätsmarkt ist für uns sehr spannend“, sagt Manuel Gerres von DB Digital Ventures. Aber nicht nur die Bahn, sondern auch die etablierten Mietwagenanbieter weiten ihr Geschäftsfeld aus: Sixt etwa setzt lange schon auf den eigenen Limousinenservice My Driver, und Wettbewerber Hertz ist mit dem Chauffeurdienst Blacklane eine Kooperation eingegangen.

Vertragsraten für alle buchbar

Auch hier geht es um sogenannte Reiseketten: Kunden sollen die komplette Dienstfahrt von A nach B zwar mit verschiedenen Verkehrsmitteln zurücklegen – aber bitte ohne Wechsel des Anbieters und des Buchungsportals. Vereinfacht werden dabei auch die indirekten Prozesse, also die Integration der Mobilitätssoftware ins verwendete Online-System, die Abrechnung und die Bezahlung.

Der Lackieranlagenhersteller Dürr startete Anfang 2016 Talixo im Pilot. „Seit Oktober gab es dann eine Schnittstelle zu unserer OBE Onesto, seit 2017 zu Concur“, sagt Dürr-Travel-Managerin Brigitte Lehle. Sie lädt eigene Vertragsraten mit Transfer- und Taxianbietern in das System, „so dass diese nun allen Mitarbeitern bekannt und weltweit buchbar sind“, so Lehle. Die Zahlung per Kreditkarte, eine PDF-Abrechnung und das Reporting spielen für sie weitere wichtige Rollen. Genutzt wird die Software vor allem für Fahrten zum und vom Flughafen sowie zu den Standorten – „wobei jede Taxifahrt auch als Mitfahroption gebucht und zur Verfügung gestellt werden kann“, so Lehle.

Grundsätzlich lässt sich die Bezahlung außer über die Airplus-Firmenkarte auch über eine zugeschickte PIN abwickeln – elektronisch natürlich. „Das macht es nicht nur für die Geschäftsreisenden und Travel Manager einfacher“, wirbt Talixo-Vertriebschef Benny Nollido. „Auch die Taxi- und Limousinenunternehmen können besser planen.“

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Guthaben statt Firmenwagen

Zu den Pionieren, was übergreifende Lösungen angeht, gehört der japanische Herzmittelspezialist Daiichi Sankyo Europe. Bereits vor gut zwei Jahren analysierte er sein bis dato übliches Firmenwagen- und ÖPNV-JobTicket-Modell gründlich auf Effektivität – und wandelte es schließlich in ein umfassendes Mobilitätskonzept um. Das Besondere: Dieses gilt nicht nur für fast alle Arten der erdgebundenen Fortbewegung, sondern unterscheidet auch nicht mehr zwischen Pendlern und Geschäftsreisenden.

Das Zauberwort bei Daiichi Sankyo lautet: Mobilitätsbudget. Jeder Mitarbeiter erhält einen finanziellen Etat, über den er frei verfügen kann. Bemisst sich dieser bei den Dienstwagennutzern nach den bisherigen Vollkosten des Autos plus individuellem Kilometerkontingent, bekommen alle anderen Mit- arbeiter ein Mobilitätsbudget in Abhängigkeit der Verkehrsmittel, die sie als Pendler wählen. Besonders gefördert werden bei Daiichi die Öffis, das Fahrrad und Fahrgemeinschaften. Das Auto soll nur noch genutzt werden, wenn unbedingt nötig.

Jeder entscheidet selbst

„Wir möchten unseren Mitarbeitern Zugang zu allen Mobilitätsformen geben, vom Car-sharing über ÖPNV, Fernbus, Bahn, Fahrrad, Taxi, Webkonferenz und Fuhrpark bis zum Corporate Carsharing“, sagt Travel Manager Michael Müller. „Jeder entscheidet selbst, für welche Verkehrsmittel er sein Budget einsetzt. Natürlich sind dabei auch Kombinationen aller Art möglich.“

Für Müller ist es enorm wichtig, dass sich das Konzept zunächst um das tägliche Pendeln ins Büro dreht. Er erhofft sich einen positiven Einfluss auf das Travel Management: „Die tägliche Mobilität der Mitarbeiter auf dem Weg zwischen Wohnung und Arbeitsstätte ist verhaltensprägend“, sagt er.

Gelinge es, beim Pendeln Gewohnheiten zu verändern, werden sich diese auf die sonstige private und geschäftliche Mobilität positiv auswirken. Daiichi Sankyo will mit diesem Modell zudem seine Attraktivität als Arbeitgeber steigern: Flexibilität komme bei Bewerbern immer gut an. Und schließlich beeinflusst all dies auch die Mobilitätskosten im Unternehmen äußerst positiv: Weniger Dienstwagen, mehr Pool-Autos, Bahn- und ÖPNV-Nutzung haben den Etat um 25% abschmelzen lassen.

Anbieter entdecken Mobilitätsbudget

Auch kommerzielle Anbieter machen sich die Idee des Mobilitätsbudgets zu eigen. „Firmen können ihren Mitarbeitern ein Konto für beispielsweise 800 Euro einrichten, das diese beliebig für Verkehrsmittel einsetzen kann“, umschreibt Philip Kneissler, Chef der Leasingfirma Belmoto, sein Geschäftsmodell. Die Mobilitätskarte, die Belmoto vertreibt, ähnelt einer klassischen Prepaid-Kreditkarte: Die Firma lädt sie mit einem bestimmten Geldbetrag auf, und dieser wird dann per Rechnungssplitting wieder abgebucht. „Wer auf den Dienstwagen verzichtet, schont sein Guthaben“, sagt Kneissler. Bleibt am Ende des Jahres Budget übrig, darf es der Mitarbeiter sogar für seinen eigenen Urlaub einsetzen – als Incentive. Gesteuert wird das Ganze über eine simple App.

Das Mobilitätsbudget hat sich auch Europcar-Tochter Ubeeqo auf die Fahnen geschrieben. Der Anbieter verspricht, auf diese Weise die Flottengröße zu optimieren, die Mobilitätskosten durch effizientere Nutzung zu senken und die Kundenzufriedenheit zu steigern. Über eine Buchungsplattform, auch als App darstellbar, lassen sich Dienstwagen, Mietwagen, Car2go und Fahrdienste buchen. Zum Monatsende gibt es eine zentrale Sammelabrechnung (siehe Interview).

Nachfrage noch eher gering

So positiv wie die neuen Modelle auch klingen mögen: Noch ist eine Menge zu tun, um ihre Popularität zu steigern. Bei Daiichi nutzen derzeit nur gut 10% der Mitarbeiter das Konzept, und bei der Bahn, die ihren etwa 3000 Führungskräften ebenfalls ein Mobilitätsbudget als Alternative zum Firmenwagen anbietet, liegt die Nachfrage nur im einstelligen Prozentbereich.

Der Staatskonzern offeriert seinen Top-Managern die Bahncard 100 für sich und den Partner, den Carsharing-Dienst Flinkster und Call a Bike. Doch gegen den eigenen Firmenwagen hat all dies keine Chance – selbst bei jungen Leuten nicht. Während das Mobilitätsbudget bei Personalleitern oft auf offene Ohren stößt, lehnen es auch viele Fuhrparkverwalter ab: Zum einen passt es nicht in etablierte Prozesse, zum anderen sind steuerrechtliche Fragen etwa im Hinblick auf den geldwerten Vorteil ungeklärt. Befürworter müssen also dicke Bretter bohren.

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Interview mit Marcus Scholz (Europcar)

Wie haben sich die Ansprüche der Firmenkunden in Sachen Mobilität geändert?

Marcus Scholz, Director Business Unit Corporate & Mobility Solutions bei Europcar.
Foto: Christian Wyrwa

Als ich vor gut zehn Jahren selbst im Travel Management angefangen hatte, herrschte noch überall die Papierform vor, und Mietautos wurden per Fax bestellt. Dienstwagen wiederum waren ein wichtiger Faktor für die Motivation der Mitarbeiter. Heute ist dieses Prestigedenken aufgebrochen, und die Prozesse bei der Mietwagenbuchung sind digitaler. Es muss schneller, einfacher und flexibler gehen.

Wie kommen Sie diesen Forderungen nach?

Durch verschiedenste neue Produkte wie etwa den digitalen Key Locker am Flughafen: Niemand muss mehr am Schalter warten, sondern kann den Autoschlüssel auch per PIN-Code erhalten. Zudem beobachtet Europcar die Entwicklungen rund ums Thema Connectivity und prüft, welche Funktionen für Mietwagen relevant sind. Außerdem arbeiten wir derzeit an Schnittstellen zu allen wichtigen Online-Buchungsmaschinen, so dass Buchung und Abrechnung ähnlich leicht sind wie etwa über die Bahn-Bibe-Schnittstelle.

Wenig hat man zuletzt vom Corporate Carsharing gehört.

Es nimmt derzeit deutlich Fahrt auf. Immer mehr Firmen erkennen, dass sie mit Corporate Carsharing ihre Flottengrößen optimieren und die Standzeiten der Fahrzeuge deutlich verringern. Flottenwagen können etwa am Wochenende privat genutzt werden. Steuerrechtlich – Stichwort geldwerter Vorteil – ist das inzwischen kein Problem mehr.

Einen neuen Weg geht Europcar mit der App Ubeeqo. Eignet die sich auch für Firmen?

Ubeeqo wird bereits von etlichen Unternehmen genutzt. Über einen einzigen Zugang lassen sich Mietwagen, Carsharing und Chauffeurservices buchen, und am Ende gibt es für alles eine zentrale Abrechnung. Darüber können Firmen ihren Mitarbeitern etwa ein festes Mobilitätsbudget zur Verfügung stellen, das diese dann via Ubeeqo flexibel für verschiedene Verkehrsmittel einsetzen.

Heißt aber derzeit nur Mietwagen, Carsharing, Limoservice – nicht Taxi, nicht Bahn ...

Ideal wären multimodale Portale, an die sich verschiedenste Anbieter anschließen lassen. Noch sind wir wie alle anderen auch in der Entwicklungsphase, da es ein neues Geschäftsmodell wäre. Ich bin aber überzeugt, dass es solche übergreifenden Plattformen bald geben wird, schon deshalb, weil sie für die Idee des Mobilitätsbudgets unentbehrlich sind. In Italien hat Europcar mit Wanderio übrigens bereits ein solches Projek gestartet: Taxi und ÖPNV lassen sich hier ebenfalls mitbuchen.

Wären solche Mobilitätslösungen nicht das Ende für klassische Dienst- und Mietwagen?

Absolut nicht. Carsharing etwa ist eine Großstadtlösung – aber nicht für ländliche Bereiche. Mietwagen haben immer noch eine hohe Relevanz als Anschlussmobilität und für mittlere Distanzen. Und auch das Dienstauto wird bleiben, einfach weil es für viele Menschen und Situationen die beste Option bleibt. Aber es wird flexibler: Auch, wer ein Firmenauto hat, wird in Ballungszentren verstärkt Carsharing oder ÖPNV nutzen – weil es sich heute digital leicht buchen lässt.

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