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Dossier Mittelstand (Teil 2) (0)

Reisen nach China

von Oliver Graue, 03.02.2017, 09:00

Schanghai und Peking sind in den Top-3 der beliebtesten Fernstreckenziele deutscher Unternehmen. Gut 8200 Firmen sind inzwischen in China engagiert. In Sachen Geschäftsreisen gilt es jedoch auf einiges zu achten.

Dass ihn sein dreijähriger China-Aufenthalt verändert hat, davon ist Michael Christ überzeugt. „Es ist gar nicht so einfach, sich die Marotten wieder abzugewöhnen, die man sich in dieser Zeit zugelegt hat“, sagt der 44-Jährige und lacht. „Fast automatisch starre ich jeden Morgen auf die Smog-App, drücke im Auto ständig auf die Hupe oder beginne, mit der Verkäuferin auf dem Wochenmarkt über den Preis zu verhandeln.“

Wobei es sich dabei noch um Kleinigkeiten handelt. Deutlich größer sind die kulturellen Unterschiede, die es für Christ nach seiner Entsendung ins Reich der Mitte zu überwinden galt. Und die es nun in Deutschland erneut zu überwinden gilt. Das reicht vom Essen über die Art und Weise der Kommunikation bis zum Lebensstil, im Beruf wie im Privaten. Immerhin: Die Lebensmittel aus dem Westen, nach denen der Manager in Shenyang manchmal länger suchen und für die er immer viel bezahlen musste, hat er nun in Hülle und Fülle. Und so ganz kommt er von China nicht los: Etwa einmal im Monat tritt er den fast elfstündigen Flug in die nordostchinesische Metropole an – dann allerdings statt als sogenannter Expat (also „Entsandter“) nur noch als Geschäftsreisender für jeweils wenige Tage.

Fast drei Jahre lang hat Michael Christ in Shenyang für BMW gearbeitet. Dort, gut 700 Kilometer von der Hauptstadt Peking entfernt, betreibt der bayerische Autobauer zwei Produktionsanlagen gemeinsam mit seinem chinesischen Partner Brilliance. Allein dürfen europäische Hersteller auf dem chinesischen Markt nach wie vor nicht aktiv werden. Immerhin: In Shenyang, mit mehr als sieben Millionen Einwohnern fast doppelt so groß wie Berlin, rollen jährlich 300.000 Autos vom Band. Erst vor wenigen Monaten besichtigte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel das Werk. Christ, der wenige Tage später vor Ort war, ließ sich davon ausführlich erzählen.

Mittelstand kommt nach

Auch wenn immer wieder von einem „sich abschwächenden konjunkturellen Umfeld“ in China die Rede ist: Von tatsächlichen Rückgängen ist das Land weit entfernt. So hat BMW in den ersten sieben Monaten des Jahres 2016 fast 290.000 Fahrzeuge in China verkauft. Die Wachstumsrate gegenüber dem Vorjahr ist zwar nicht mehr zweistellig, doch es sind 8,5 Prozent mehr als 2015 und damit 20 Prozent des weltweiten Absatzes. Erst mit deutlichem Abstand folgen die USA und Deutschland als die zweit- und drittbesten Märkte.

Als ähnlich erfolgreich erweisen sich auch die anderen deutschen Autogiganten in der Volksrepublik. Audi als die Nummer 1 wuchs bis August 2016 um 6,5 Prozent auf 336.000 Fahrzeuge; Mercedes legte sogar um 32 Prozent auf fast 260.000 Autos zu. Aber nicht allein die Konzerne profitieren von der chinesischen Konjunktur, sondern auch – und vielleicht sogar besonders – die deutschen Mittelständler. Rund um die Werke der Autohersteller haben sich etliche Zuliefererbetriebe angesiedelt, vom schwäbischen Lackieranlagenhersteller Dürr bis zu Progress, einem Produzenten von Metallkomponenten.

Die meisten Mittelständler agieren jedoch unabhängig von Konzernen. Weil Chinesen die Solidität und Präzision deutscher Produkte schätzen, kaufen sie gern „Made in Germany“. Die Zahl der deutschen Betriebe, die im Reich der Mitte tätig sind, wird mit inzwischen gut 8200 angegeben – bei den weitaus meisten dürfte es sich um KMU handeln, also um kleine und mittlere Unternehmen. Was ihre China-Aktivitäten angeht, befinden sich viele von ihnen derzeit im Umbruch. War das asiatische Riesenreich zunächst vor allem Konsument außerhalb des Landes hergestellter deutscher Gegenstände, wurde es danach zur verlängerten Werkbank: Aufgrund niedriger Löhne wurde und wird direkt vor Ort produziert – und überall in der Welt verkauft.

In der nun beginnenden dritten Phase setzt China auf westliche Spitzentechnik: Zunehmend schluckt es deutsche Mittelständler, um von deren Expertise zu profitieren. Fakt ist: Die Zahl der Deutschen, die wie Christ als Expat in China arbeiten oder als Geschäftsreisende im Land sind, geht in die Zehntausende. Fast unbemerkt hatte es China im vergangenen Jahr sogar auf den ersten Platz der von deutschen Firmenkunden am meisten besuchten Fernziele geschafft. Mittlerweile steht das Land zwar „nur“ noch an zweiter Stelle. Das aber liegt vor allem daran, dass Spitzenreiter USA zuletzt wieder deutlich zugelegt hat. Im Städteranking der Geschäftsreisebürokette BCD belegen Schanghai und Peking die Plätze 1 und 3 bei den Interkont-Routen; New York hängt dazwischen auf Rang 2.

Zehn Direktziele ab Deutschland

Die meistangeflogenen Ziele deutschen Firmenkunden nach China hat der Firmenkreditkartenanbieter Airplus exklusiv für BizTravel ermittelt. Demnach führen Schanghai mit 44,4% und Peking mit 24,8% deutlich vor allen anderen Städten (siehe Grafiken unten). Besonders attraktiv sind die Flüge aus Frankfurt, München und Stuttgart. Und trotz nach unten korrigierter Wachstumsprognosen wächst die Zahl der Geschäftsreisen nach China weiterhin: Im vergangenen Jahr stieg ihr Anteil an allen dienstlichen Fernflügen ab Deutschland von 13% im 1. Halbjahr 2015 auf nunmehr 15,3%. Für die Zukunft geht Airplus von einer weiteren Steigerung aus – bedingt vor allem durch das stetig wachsende Handelsvolumen zwischen den Ländern. Ebenfalls spannend: Immer mehr Firmen wählen die Premium Economy Class für ihre Reisenden. Doch längst sind nicht mehr nur Peking und Schanghai nonstop von Deutschland aus zu erreichen. Allein von Frankfurt aus fliegen Air China, China Eastern, China Southern und Lufthansa zehn Ziele im Reich der Mitte direkt an. So verkehrt Air China außerdem nach Chengdu, Hefei, Lanzhou und Shenzhen; Lufthansa fliegt außer zu den beiden Hauptmetropolen nach Chengdu, Nanking und Qingdao. Chinas größte Fluggesellschaft China Southern, die über 700 Flugzeuge verfügt, steuert Peking zwar mit Zubringern via Amsterdam oder Paris an, fliegt ab Frankfurt jedoch nonstop nach Changsha und Guangzhou. Mit China Eastern geht es nach Schanghai.

Zu den Abflughäfen für China-Nonstop-Strecken gehören aber auch München, Wien und Zürich (jeweils Peking und Schanghai) sowie Düsseldorf (Peking). Als einzige Fluggesellschaft verbindet Hainan Airlines die deutsche Hauptstadt Berlin (Tegel) direkt mit Peking. Und kaum eine Airline, die nicht Umsteigeflüge in Richtung China ermöglichen würde. Mit kurzen Wegen – der Erdkrümmung sei Dank – werben speziell die nordischen Linien Finnair und SAS. Auf günstige Preise setzen hingegen zum Beispiel die polnische LOT, Ukraine International und Vietnam Airlines.

Und natürlich mischen auch hier die Fluggesellschaften aus den arabischen Golfstaaten mit, die ein schnelles Umsteigen in Dubai, Abu Dhabi oder Doha garantieren. Gerade sie sind es, die den etablierten Airlines zuletzt eine Menge Passagiere im Fernost-Geschäft abpenstig gemacht haben. Die Lufthansa hat als Reaktion einen Verbund mit Air China gegründet. So werden ab 2017 die Flüge der beiden Airlines nicht nur mit der Flugnummer des Partners in den Vertriebssystemen zu finden sein. Lufthansa und Air China werden sie auch zu denselben Preisen anbieten und das Geschäft teilen.

Vorteil: LH kann Reisenden so leichter den Zugriff auf Anschlüsse in China anbieten. Nachteil: Die Preise dürften steigen. Eine ähnliche Vereinbarung halten schon seit einiger Zeit China Southern und Air France/KLM.

Insgesamt hat China, was seinen Luftverkehr betrifft, Großes vor. Bis 2020 will die Staats- und Parteiführung 66 völlig neue Flughäfen bauen, womit das Land dann über 272 Airports verfügen würde. Als Vorzeigeprojekt gilt der neue Flughafen in Peking, der Ende 2019 eröffnen soll. Und Fluggesellschaften wie Hainan Airlines oder China Southern hätten nichts dagegen, Abflugorte und Frequenzen ab Deutschland zu erhöhen. Derzeit allerdings wird die Zahl der Routen in Form bilateraler Verträge behördlich geregelt. Und nach wie vor wird der Luftraum über der Volksrepublik vom Militär überwacht, was zur Folge hat, das sich in China Flugverspätungen häufen.

Lucky Air und Okay Airways

Dennoch wächst der Luftverkehr in China weiterhin immens. Im 1. Halbjahr 2016 nahm die Zahl der Passagiere auf Binnenstrecken um neun Prozent auf 207 Mill. zu, und im Fernverkehr betrug das Plus im Vergleich zum Vorjahr 27 Prozent auf 25 Mill. Reisende. Dabei bieten nur wenige Fluggesellschaften Routen ab Europa an. Wer an einem chinesischen Flughafen einen Blick auf die Anzeigetafeln wirft, ist fasziniert von großen Zahl an chinesischen Airlines, von Joy Air über Shandong Airlines bis zu Lucky Air oder Okay Airways.

Und: Längst nicht alle Gesellschaften, die innerchinesisch verkehren, sind auch in den westlichen Reservierungssystemen enthalten. Mitunter funktioniert die Buchung dann nur über die chinesischen Partner der großen Geschäftsreisebüroketten oder im Internet über Anbieter wie Ctrip, inzwischen nach Priceline und Expedia das drittgrößte Reiseportal der Welt.

BMW-Mitarbeiter Michael Christ hat es da einfacher. Er übermittelt seine Wünsche einfach dem Reisebüropartner, der dann gemäß den Reiserichtlinien des Konzerns bucht. So hat Christ schon eine Menge Fluggesellschaften kennengelernt. Eines allerdings steht ihm immer zu: Er darf vorn in der Maschine, also in der Business Class, Platz nehmen.

MICE-Tipps für Seoul, Hangzhou und Taipeh:

go.biztravel.de/micefernost

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