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Interkulturelle Kompetenz (0)

Jedes Volk tickt anders

von Oliver Graue, 28.05.2018, 12:15

Was heißt „pünktlich“? Und wieviel Kritik verträgt der Geschäftspartner? Im Geschäftsleben führen internationale Gespräche oft zu Konflikten. Die Spezialistin Erin Meyer deckt auf, wie sich Kulturen unterscheiden und was man daraus lernen kann.

Foto: PR

Die Kölner drücken es auf ihre sehr typische Weise aus. „Jeder Jeck is anders“, sagen sie, „ävver jeck sind mer all.“ Auf die globale Landkarte übertragen, hieße dies wohl: Alle Kulturen dieser Welt sind unterschiedlich, sind anders – lebenswert und „richtig“ sind sie jedoch alle.

Ob es um die Japanerin geht, die mit dem Frühstücksbüfett im europäischen Hotel nicht so recht etwas anfangen kann, oder um den deutschen Mann, der in Abu Dhabi vorn in den Linienbus einsteigt und böse von den dort sitzenden Frauen angeschaut wird – weil der vordere Busteil dem weiblichen Geschlecht vorbehalten ist: Im Urlaub sind kulturelle Missverständnisse oft unkritisch und mitunter sogar amüsant.

Im Geschäftsleben jedoch führen sie möglicherweise zu großen Problemen. Aufträge gehen verloren, weil sich der Business-Partner gedemütigt fühlt, obwohl die Kritik an seinen Vorschlägen „nur sachlich“ geäußert wurde. Oder der in Deutschland sitzende international zuständige Travel Manager wundert sich, warum seine Kollegen in den anderen Ländern nicht im geringsten seinen neu formulierten Richtlinien nachkommen – obwohl sie dies doch mehrfach und entschieden versprochen hatten.

Kompass für alle Kulturen

Fakt ist: Niemand kennt sich im Reich der sogenannten interkulturellen Kompetenz so gut aus wie Erin Meyer. Die Professorin der privaten Wirtschaftshochschule Insead beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie sich global tätige Manager durch die kulturellen Verschiedenheit der Welt navigieren. Vor vier Jahren veröffentlichte sie in den USA ihren Beststeller „Culture Map“. Dieser ist nun erstmals auf Deutsch erschienen (Verlag Wiley-VCH, 276 Seiten, 24,99 Euro). Neu sind dort die Türkei, Marokko und der Irak enthalten.

Erin Meyer bietet mit ihrem Werk eine Art Kompass, mit dessen Hilfe sich dekodieren lässt, wie kulturelle Unterschiede internationalen Erfolg beeinflussen. In Grafiken zu insgesamt acht Mentalitätsdimensionen – die typischen Quellen für interkulturelle Konflikte – ordnet sie die einzelnen Länder ein.

Beispiel „Feedback geben“: Während Russen, Israelis und Holländer negative Einschätzungen sehr direkt und unvermittelt äußern (wir Deutschen folgen kurz danach), verpacken Japaner, Thailänder und Indonesier ihre Kritik in sanfte, subtile Formulierungen.

Beispiel „Führungsstil“: Während in den skandinavischen Staaten, in Australien, Kanada und Holland der Chef mehr als Moderator denn als Bestimmer agiert, sind in Ländern wie Japan, Korea, Indien, China oder Nigeria die Abstände zwischen „unten“ und „oben“ enorm groß. Deutschland befindet sich übrigens ziemlich genau in der Mitte. In direktem Zusammenhang damit steht das Kriterium „Entscheidungen treffen“: Herrscht in Japan, Schweden und Holland das Konsens-Prinzip vor – entscheidet also die Gruppe einstimmig –, haben in Nigeria, China, Indien oder Russland die Worte des Chefs Befehlscharakter.

Gut gemeint, aber demütigend

Fünf weitere Dimensionen, an denen sich kulturelle Missverständnisse entzünden, erörtert Erin Meyer in ihrem Buch: die Art und Weise der Kommunikation, die Überzeugungskraft von Argumenten, die Frage, wie Vertrauen entsteht, das Äußern von Widerspruch sowie die Pünktlichkeit. Hilfe bietet diese mentalitätsbezogene Bewertung der einzelnen Länder schon dann, wenn es um eine Telefonkonferenz geht, an der Angehörige verschiedener Völker teilnehmen.

Jeder kann zuvor entschlüsseln, was ihn in seinem Denken und Tun von anderen unterscheidet. Das weckt Verständnis und hilft, unangenehme Situationen zu vermeiden. Vor allem aber lässt sich viel besser verstehen, was der Gesprächspartner jenseits seiner Worte wirklich meint.

Immer wieder geht die weitgereiste US-amerikanische Autorin von eigenen Erfahrungen oder denen von Freunden aus. So schildert sie den Fall einer chinesischen Bekannten, die die harsche Kritik an ihrem Fachreferat durch französische Kollegen als Demütigung und Gesichtsverlust empfand. Dabei ging es ihren Kollegen nicht darum, das hervorragende Referat grundlegend zu kritisieren. Sie wollten die Vortragende lediglich „aus der Reserve locken“ und zu weiteren frischen Ideen inspirieren.

Ein Konflikt lässt sich hier nur vermeiden, wenn man um die sehr unterschiedliche Konfrontationsfreudigkeit und Emotionalität der Völker weiß. Meyer empfiehlt Franzosen und Deutschen für solche Fälle, „auf angenehme Weise zu widersprechen“ – das kann man sich antrainieren.

Pünktlichkeit – das kann vieles heißen

Eine typische Quelle für Probleme ist die Zeitwahrnehmung. Verspäten sich Deutsche oder Engländer zum Termin auch nur um 7 oder 8 Minuten, rufen sie in aller Regel an, um dies mitzuteilen. Franzosen oder Italiener werden erst bei 12 oder 15 Minuten derart aktiv. Und in Nahost, Afrika, Indien oder Südamerika gelten auch 28 oder 29 Minuten Verspätung noch als pünktlich – entschuldigen muss sich dafür niemand, denn Stau und Verkehrschaos sind schließlich unberechenbar.

Und in manchen Staaten, den sogenannten polychronen Zeitkulturen, zählt nicht einmal die Stunde. In Burundi etwa wird zum Treffen eingeladen, „wenn die Kühe nach Hause kommen“. Schon gar nicht wird hier – wie auch nicht in Kenia, Nigeria oder Saudi-Arabien – ein linear geführtes Meeting erwartet, wie wir es gewohnt sind. Im Gegenteil: Die Debatten können in alle möglichen Richtungen abzweigen, und Unterbrechungen sind erlaubt.

Was aber nicht heißt, dass solche Treffen weniger produktiv sind als strikt ergebnisorientierte oder gut vorbereitete Meetings. Man muss das halt nur wissen.

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