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Zahl der Reisenden wächst (0)

Die Türkei feiert ihr Comeback

von Oliver Graue, Klaus Hildebrandt, 23.05.2018, 11:14

Deutsche Urlauber strömen wieder in das Land zwischen Europa und Asien. Nun hofft auch die MICE-Branche auf einen Aufschwung.

Die Blaue Moschee in Istanbul.
Foto: Gettyimages

Die große ITB-Präsenz der Türkei, die eine gesamte Halle belegte, war für Numan Kurtulmus symbolträchtig: „Wir werden in diesem Jahr wieder zu den starken Spielern in der Reisebranche zählen“, sagte der Tourismusminister in Berlin. Alle deutschen Veranstalter melden für die Türkei Zuwachsraten von teilweise über 50% bei den Sommerbuchungen. Viele haben inzwischen Flug- und Bettenkapazitäten nachgeordert. Auch der durchschnittliche Umsatz pro Reisenden wächst in der aktuellen Sommersaison gegenüber dem Vorjahr deutlich.

Und: Waren die Türkei-Urlauber in den vergangenen beiden Krisenjahren stark im Internet unterwegs, liegen die Buchungen im Reisebüro diese Saison um 15% über den Online-Abschlüssen, berichtet Songül Göktas-Rosati, Chefin von Öger Tours. Ausschlaggebend ist das gute Preis-Leistungs-Verhältnis.

Hoffen auf die Umkehr

Die Türkei kehrt zurück – für das MICE-Segment gilt dies allerdings noch nicht. Vor allem in Istanbul, wo die mit Abstand meisten Firmenveranstaltungen stattfinden, gestaltet sich der Aufschwung deutlich schwieriger als in den traditionellen Urlauberregionen. Die historisch und architektonisch interessante Metropole, in der inzwischen schätzungsweise 17 Mio. Menschen leben, verfügt mit 34,3% über einen üppigen Anteil an den gesamten Bettenkapazitäten des Landes. Allerdings reisten 2016 nur 14% aller ausländischen Gäste in die Stadt am Bosporus.

Umso größer sind die Hoffnungen. Die derzeitige politische Wiederannäherung zwischen der Türkei und Deutschland – Anfang des Jahres dokumentiert durch den Besuch des türkischen Außenministers bei seinem Ex-Kollegen Gabriel in Goslar – stimmt auch die Hoteliers und die MICE-Branche optimistisch.

Dass Istanbul über die nötige MICE-Infrastruktur verfügt, ist unbestritten. „Athen ächzt, Istanbul jubelt“ überschrieb BizTravel im Jahre 2012 einen Bericht über Pro-Sky-Destination-Report. Dieser wies die türkische Metropole neben Madrid als einen der Hauptgewinner der Branche aus. Während damals Rom, Wien, Amsterdam, Barcelona und London bei den deutschen und österreichischen Event-Planern an Attraktivität verloren hatten, zeigte der Pfeil für Istanbul unter allen befragten Städten am steilsten nach oben.

Quirliges Istanbul

Vor allem die Terroranschläge in der Stadt, aber auch der gescheiterte Putsch mit dem folgenden politischen Streit zwischen Berlin und Ankara hatte den Stern genauso schnell wieder sinken lassen. Nun hofft man erneut auf eine Umkehr. Das Istanbul Convention and Visitors Bureau (ICVB) wird nicht müde, den vielfach ausgezeichneten Service hervorzuheben, den es seinen Kunden bietet. Die ungeheure Quirligkeit der Metropole, ihre zahlreichen und modernen Locations, die ausgebaute Infrastruktur, das große Hotelangebot und die geografische Lage Istanbuls zwischen Europa und Asien – all diese Faktoren kommen noch hinzu.

So rangierte die Stadt denn auch mehrere Jahre lang in den Top Ten im Ranking der International Congress and Convention Association (ICCA). Mit 130 Kongressen belegte sie noch 2014 den weltweit 9. Platz. In der jüngsten Statistik (für 2016) springt mit „nur“ noch 62 großen Meetings Rang 39 heraus.

Ein Argument dafür, doch wieder nach Istanbul zu fahren, dürfte neben den genannten Faktoren das Preis-Leistungs-Verhältnis sein. So liegen die Reisepreise derzeit noch unter denen vor zwei Jahren und sind gegenüber anderen Zielen am Mittelmeer wie Spanien, Griechenland und Italien absolut konkurrenzfähig. Und die Hotelpreise haben trotz des erstarkenden russischen Quellmarkts noch längst nicht wieder die alten Höhen erreicht.

Hoteliers profitieren von schwacher Lira

Die türkischen Hoteliers kommen dennoch zurecht, denn sie profitieren von der Abwertung der Türkischen Lira gegenüber dem Euro, die derzeit 18% tiefer notiert als vor einem Jahr. Die wesentlichen Kosten wie Personal, Finanzierung und Wareneinkauf fallen in Lira an, die Einnahmen aber in Euro.

Folgt dem Tourismus-Boom der MICE-Aufschwung? Die Branche in der Türkei würde es sich wünschen. Immerhin geht Minister Kurtulmus inzwischen sogar davon aus, zumindest bei den Einreisen aus Deutschland dem bisherigen Rekordjahr 2015 mit 5,6 Mio. Besuchern nahezukommen. „Ich rechne mit mehr als fünf Millionen deutschen Gästen nach 3,5 Millionen im Jahr 2017“, sagte er. Insgesamt soll die Zahl der Besucher in diesem Jahr von 32,4 auf 38 Millionen steigen.

Die deutsche und die türkische Politik hätten sich in jüngster Zeit wieder angenähert. Kurtulmus schlug deshalb auch bei der ITB in Berlin moderate Töne an und betonte die „engen wirtschaftlichen Verflechtungen“ und die „historische Freundschaft“ der beiden Länder: „Wir sollten die Probleme der Vergangenheit beiseitelegen und nun unsere gemeinsamen Interessen in den Mittelpunkt stellen.“

Oder mal nach Troja

In den vorigen beiden Jahren kamen vor allem arabische, mittelasiatische und russische Reisende ins Land. 2018 soll das Wachstum nun wieder aus Westeuropa kommen – vor allem aus Deutschland. „2017 war das Jahr der Russen, 2018 wird das Jahr der Deutschen“, sagt Lüfti Elvan, türkischer Minister für wirtschaftliche Entwicklung.

Dass MICE-Veranstaltungen sich keinesfalls auf Istanbul beschränken müssen – auch darauf wies Kurtulmus auf der ITB noch mal hin. Er betont die kulturelle Vielfalt des Landes und nennt als Beispiel Troja, wo in diesem Jahr ein neues Museum eröffnet wird. Die Ausgrabungsstätte feiert ihr 20-jähriges Bestehen als Unesco-Weltkulturerbe. Auch dies ein Anlass, ein Event in den Nordwesten der Türkei zu verlegen. Der runde Geburtstag der historischen Stätte war in der Berliner Türkei-Halle übrigens unübersehbar: Dort warb ein überdimensionales Holzpferd für Troja.

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