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Mensch, sei geduldig!

05.12.2018, 09:35

Verspätungen, Flugausfälle und lange Wartezeiten sind ärgerlich. Doch dem Weltuntergang bringen sie uns nicht näher – viel gefährlicher ist die Ungeduld.

Kommt ein Mann ins Spielzeuggeschäft. „Ich hätte gern ein Geduldspiel“, sagt er, „aber bitte zack-zack.“ Natürlich – ein Witz. Und dennoch steht er symptomatisch für unsere Zeit. Ausgerechnet heute, wo jeder über Entspannung, Work-Life-Balance und Sabbaticals spricht, scheinen die meisten Menschen die Fähigkeit, warten zu können, vollends verloren zu haben. Denn genau das heißt Geduld: warten können.

Ohne Frage: Die Verspätungen am Himmel und auf der Schiene und die vielen Flugausfälle in diesem Jahr sind ein Ärgernis. Vor allem dann, wenn Geschäftsreisende dadurch Termine versäumen. Aber haben wir uns vor 20 oder 30 Jahren auch schon so massiv darüber aufgeregt wie heute? Oder fiel es einfach nur nicht auf, weil es noch keine (a-)sozialen Medien wie Facebook & Co gab, mit deren Hilfe sich die Wut in alle Welt herausschreien lassen konnte? Vermutlich ist beides richtig.

Warten war früher kein Problem

In jedem Fall waren wir lockerer, entspannter. Wenn ich in den 70er-Jahren als Kind mit meinem Opa Bahn gefahren bin (D-Zug), dann sind wir mindestens zwei Stunden zu früh aus dem Haus gegangen. Um gegen alle potenziellen Zwischenfälle gewappnet zu sein. Und wenn der Zug mal Verspätung hatte? Machte gar nichts – dann haben wir eben gewartet. Auch das war irgendwie aufregend.

Heute sind wir durchoptimiert und auf absolute Effizienz getrimmt. Wartezeiten sind nicht vorgesehen. Luftholen auch nicht – es sei denn, dieses wird systematisch organisiert und „rentiert sich“. Rebellierte in früheren Zeiten die Jugend gegen die Ausrichtung allen Lebens an rein wirtschaftlichen Aspekten, kann es der Generation Y heute gar nicht frühkapitalistisch genug sein.

Heute zählt das schnelle Geld

Start-ups sollen schnelles Geld bringen, Technologie ist unser Gott, soziales Verhalten zählt wenig, Ausbeutung ist okay, und alles muss billig und bequem sein. Und vor allem durchoptimiert von A bis Z – denn nur so kann das System funktionieren. Geduld und Wartezeiten sind da nicht vorgesehen.

Aber wird die Welt dadurch besser? Oder hetzen wir nur den Taktgebern in Kalifornien und China hinterher, die uns ja – Gott bewahre – im Optimierungswahn überholen könnten? Und steigt unsere Lebensqualität, wenn wir uns keine Zeit mehr nehmen, durch unsere Städte zu bummeln, dort einzukaufen und stattdessen jede Büroklammer bei Amazon bestellen? Die der US-Konzern von unterbezahlten Kräften verpacken und ausliefern lässt, während mehr und mehr Läden dichtmachen müssen?

Heuchelei beim Klimaschutz

Und warum zählt die sonst so beschworene „Nachhaltigkeit“ in diesem Fall nicht? Die Amazon-Pakete lassen die Müllberge wachsen, die Auslieferer verpesten unsere Städte. Zugegeben: Auch ich ärgere mich oft über verspätete Züge oder Flüge. Doch dann freue ich mich über unverhofft geschenkte Freizeit. Was ich dadurch verpasse? Ehrlich gesagt: nichts.

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