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Viel Zeit fürs Zeitsparen (0)

So eine App wünsche ich mir!

von Oliver Graue, 01.05.2018, 10:48

Wir sind verrückt: Wir verbringen immer mehr Zeit damit, um Prozesse zu entwickeln, mit denen wir Zeit sparen können. Und optimieren, bis der Arzt kommt.

„Nein“, sagt der italienische Kollege entschieden, der bei der Pressekonferenz neben mir sitzt, nein, aus seinem Heimatstädtchen wolle er so schnell wie möglich weg. „Wer sich im Urlaub erholen will, für den ist es ja toll. Aber leben, das geht dort nicht.“ Seine Heimat – ein Städtchen im Norden Siziliens – sei für jemanden wie ihn, der im Leben etwas erreichen will, der kreativ sein und Zukunft schnuppern möchte, der wahre Graus. Denn dort sei die Zeit stehengeblieben. Schon vor Jahrzehnten.

Komisch: Als der Kollege von der „unerträglichen“ Ruhe und Langsamkeit seiner Heimat spricht, fühlte ich mich ertappt. Eigentlich, denke ich, würde ich mich genau da sehr wohl fühlen. Zumindest würde ich es nicht als Katastrophe empfinden – sage ich jetzt. Würde ich tatsächlich dort leben, könnte es natürlich sein, dass sich meine Sicht der Dinge ändert.

Vielleicht nach einem Jahr, vielleicht auch schon früher. Vermutlich verhält sich das so wie mit der seit einigen Jahren grassierenden Landlust in Deutschland. Nimmt man die Millionenauflagen der einschlägigen Magazine zum Maßstab, muss das halbe Volk nichts stärker herbeisehnen als ein Leben auf dem Lande. Doch was machen die Menschen? Sie verlassen die Dörfer in Scharen und drängen in die Großstädte. Dort wird der Verkehr immer dichter und das Leben immer teurer.

Was läuft schief?

Dennoch: Irgendetwas muss schief laufen, wenn sich Millionen Deutsche woandershin träumen. Könnte es sein, dass viele von uns vor lauter Selbstoptimierung, Turbo-Einlegen und Zeitsparen einfach nicht mehr zum Luftholen kommen? Dass uns also der Atem im wahrsten Sinne des Wortes ausgeht?

Eigentlich müssten wir inzwischen Unmengen an Zeit haben. Smarte Apps, kluge Algorithmen und Lieferdienste nehmen uns viel von dem ab, was wir früher selbst und von Hand erledigen mussten – bis hin zum Einkaufen. Und täglich wird noch mehr optimiert, und gibt es noch schlauere Apps. (Dass wir dadurch auch nicht mehr Herr unser Daten sind, ist ein anderes Thema. Ich reiße es im Vorwort auf Seite 3 an). Und trotzdem sagen uns die Manager: Wir sollen noch mehr und noch schneller arbeiten, weil wir sonst angeblich gegen die Milliardäre und Nerds aus dem Silicon Valley keine Chance haben? Noch mehr Zeit dafür aufwenden, um zeitsparende Prozesse zu entwickeln?

Unlogische Logik

Irgendwie krank. Und wer profitiert eigentlich davon? Wir, die wir vor lauter Zeitoptimierung bald gar keine Zeit mehr haben? Zu den großen Gewinnern gehören Konzerne wie Amazon (170 Milliarden Dollar Umsatz!), die uns einreden, Einkaufen sei verschwendete Zeit. Schließlich gebe es dafür doch Billigkräfte, die uns alles bis vor die Haustür bringen, die mit ihren Transportern die Straßen verstopfen und unsere Innenstädte veröden lassen.

Könnte mal jemand eine App entwickeln, mit der man diesen Unsinn stoppen kann?

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